Poledance | Picture by Jimmy Brown

Wie Poledance mein Leben bereichert

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Blog-Beitrag schreiben soll. Aber ich denke, es ist an der Zeit, einmal über etwas Persönliches zu bloggen. Wie ihr wisst, bin ich leidenschaftliche Poletänzerin. Als ich damit angefangen habe, wusste ich allerdings noch nicht, wie sehr dieser Sport mein Leben einmal bereichern wird. Wie genau, das erfährt ihr jetzt.

Poledance lässt mich Girlie sein

Wer mich kennt weiß: Anna und Girliezeugs, das passt irgendwie nicht zusammen. Highheels stehen bei mir maximal im Schrank rum. Mein Ausgeh-Make-up ist das, was sich andere Frauen fürs Schwimmbad ins Gesicht schmieren. Und Bars, in die man nicht in Jeans und Sneaker gehen kann, sind auch nicht so mein Ding. Und trotzdem trainiere ich seit 2012 in einem „Ladies only“ Studio einen frauendominierten Sport, bei dem die meisten Männer ein Glitzern in den Augen bekommen, wenn sie davon hören.
Um das hier noch einmal klarzustellen: Poledance ist ein Sport, der verdammt anstrengend ist. Davon habe ich bereits an dieser Stelle berichtet. Viele Tricks erfordern unglaublich viel Kraft, Flexibilität und akrobatische Geschicklichkeit. 99,9% aller Stunden, die ich mit Training verbringe, haben mit sinnlichem Tanz aus der Phantasie vieler Männer wenig zu tun. Doch das Schöne an Pole ist, dass es so unglaublich viele Facetten hat. Genauso, wie man es rein als Fitness betreiben kann, kann man dabei auch seine weibliche, sexy Seite rauszulassen. Ob Dramaqueen, Akrobatikkönigin, twerkende Dancehall-Polerin oder sexy Vamp – jede Poledancerin findet früher oder später ihre eigene Richtung oder variiert diese auch je nach Stimmung.  Und so habe ich es tatsächlich geschafft, einen Sport zu finden, in dem ich auch hin und wieder meine weibliche und sexy Seite ausleben kann. Am liebsten zu Hause, ohne Zuschauer, in meinen (verstaubten) Highheels zu meinem Lieblingssong. Und nein, ich zeige dir nicht was ich so alles kann. Würde ich einen Euro bekommen für jedes Mal, wenn mich ein Mann das gefragt hat, wäre ich heute reich. Sollte ich jemals Lust bekommen zu zeigen „was ich so alles kann“, werde ich das auch unaufgefordert machen. Bis dahin tanze ich aber nur für mich selbst, weil es mir tatsächlich Spaß macht manchmal unbeobachtet meine weibliche Seite rauszulassen.

Körperdefinition & Muskeln

Nun verrate ich euch ein Geheimnis: Ich habe einen unglaublich tollen Stoffwechsel. Meine schlanke Figur von Kindesalter an habe ich weniger einer strengen Diät als meinen guten Genen zu verdanken. Dass das nicht immer nur Segen, sondern auch ein Fluch sein kann, verstehen die meisten Leute nicht. Fakt ist aber, dass sich auch Dünne in ihrem Körper unwohl fühlen können. So habe ich zum Beispiel jahrelang versucht, zuzunehmen, weniger weil ich mich selbst zu dünn fand, sondern mehr weil ich die ständigen Kommentare von Familie, Freunden, Schulärzten und kompletten Fremden nicht mehr hören konnte. „Kind, iss doch mal was, du bist viel zu dünn“. Als ob das so einfach gewesen wäre. Egal was ich gegessen habe – Pizza, Pommes, Schokolade… ich habe einfach nicht zugenommen. Was für andere herrlich klingt, war für mich irgendwann einfach nur noch nervig. „50 Kilo sollte man bei deiner Größe schon haben“ zu hören war ja ganz nett, aber klappen wollte das einfach nicht.
Bis ich Poledance entdeckte. Während viele meiner Kurskolleginnen sich nach und nach über erste Kilos, die purzelten, freuten, hatte ich nach einigen Monaten tatsächlich auf einmal 3kg mehr auf der Waage. Etwas, was ich durch jahrelange ungesunde Ernährung nicht geschafft habe. Da ich kaum Fett hatte, das mein Körper im Training verbrennen konnte, habe ich statt Körperfett ab- einfach an Muskelmasse zugenommen. Und das sieht man auch an meinem Körper. Vor allem meine Oberarme, Bauch und Rücken sind, seit ich Poledance mache, schön definiert anstatt knochig. Und auch wenn mir viele Leute, die mich neu kennenlernen, sagen ich sehe gar nicht so muskulös aus – ich selbst und alle, die mich vor 4 Jahren kannten, sehen einen gewaltigen Unterschied. Und ich fühle mich sehr wohl damit!

Auf meinen Körper hören

Früher bin ich nicht besonders achtsam mit meinem Körper umgegangen. Ich hatte ständig blaue Flecken oder eine eingegipste Hand, weil ich versehentlich wo dagegen gerannt bin. Wenn ich bei irgendeiner Sportart nicht so gut war wie jemand anders, habe ich mich dafür gehasst. Ich habe mich mit ungesundem Essen vollgestopft, weil ich nicht darüber nachgedacht habe. Oder aber ich habe sogar vergessen zu Mittag zu essen, weil ich mein Hungergefühl überhört habe.
Durch Poledance habe ich gelernt, auf meinen Körper zu hören. Ich gebe ihm Obst, Gemüse, Kohlenhydrate oder Eiweiß, wenn der Körper danach verlangt. Oder ich gebe ihm Schokolade und Pizza, wenn die Seele danach verlangt. Dann aber bewusst & genussvoll. Ich bewundere meinen Körper für das, was er alles (lernen) kann. Ich versuche, mich nicht mehr mit anderen zu vergleichen. Auch wenn ich manche Tricks nicht so schnell beherrsche wie andere Mädels, so weiß ich, dass es dafür andere Tricks gibt, die mir leichter fallen als den anderen. Denn jeder Körper ist anders. Und es wird immer jemanden geben, der kräftiger, flexibler oder begabter ist als man selbst. Aber das ist okay. Denn wie mein Surflehrer immer gesagt hat: Der beste Surfer ist derjenige, der am meisten Spaß im Wasser hat. Und nach diesem Motto versuche ich auch das Poledance zu sehen. Poledance ist mein Hobby, und das soll auch so bleiben. Daher muss ich nicht jeden Trick sofort beherrschen. Wenn ich heute keine Lust auf Training habe, sondern lieber ein Buch lese, ist das okay. Morgen wird mir mein Körper dann schon wieder sagen: „Jetzt ist es Zeit für ein Workout, lass uns Spaß haben“. Wenn mir ein Trick unglaublich Schmerzen bereitet, muss ich ihn nicht jedes Mal machen. Poledance hat mich gelehrt zwischen „gutem“ Schmerz (demjenigen, den man aushält, wo man „durchbeißt“ und der irgendwann besser wird) und „schlechtem“ Schmerz zu unterscheiden. Und genau das versuche ich nun auch in meinem ganzen Leben umzusetzen. Manchmal gibt es Situationen mit „gutem“ Schmerz, in denen man eine Zeit lang nach dem Motto „Augen zu und durch“ agieren kann. Und dann gibt es Situationen mit dem „schlechten“ Schmerz, dem Schmerz der nie vergehen wird. Und diese Situationen muss man versuchen zu verändern.

I don’t give a shit

Zum Schluss möchte ich erwähnen, dass mir Poledance die Chance gegeben hat zu lernen, nichts auf die Meinung anderer zu geben. Kaum eine Sportart ist in vielen Köpfen – vor allem auf dem Land, da wo ich herkomme – so negativ verankert. Viele Leute verbinden mit Poledance keinen Sport, sondern verurteilen es als etwas Aufreizendes, etwas, das man nicht macht und verbinden es damit seinen Körper zu verkaufen. Noch heute zögere ich öfters, wenn mich jemand fragt, was ich denn so gerne mache. Eine Tennisspielerin, eine Schwimmerin oder eine Volleyballspielerin würde wohl sofort von ihrem Hobby erzählen und eine neutrale Reaktion hervorrufen. Auf die Aussage „Ich mache Poledance“ gibt es meistens nur zwei Antworten. Entweder: „Wow, wie toll, das ist ja total anstrengend, kannst du denn auch die Flagge, zeigst du mir mal etwas?“ (bevorzugt von Single-Männern jeden Alters). Oder: [weit aufgerissene Augen] „Ist das dieses an der Stange tanzen?“ Worauf dann meist eine recht einseitige Diskussion folgt, bei der ich versuche zu erklären, dass es sich dabei um Sport handelt. Dafür ernte ich aber meist nur mäßige Reaktionen, da sich mein Gegenüber schon längst eine Meinung gebildet hat, diese aber lieber hinter meinem Rücken als mit mir selbst teilt. Auf beide Reaktionen habe ich in letzter Zeit immer weniger Lust.
Früher habe ich aus Angst vor der zweitgenannten Reaktion mein Hobby meist verschwiegen oder ausweichend mit „Ich mache Krafttraining“ oder „Ich tanze“ geantwortet. Daher habe ich auch lange überlegt, ob ich so öffentlich über Poledance bloggen soll. Inzwischen aber stehe ich zu meinem Hobby. Ich weiß, dass Poledance ein Sport ist. Nicht nur das, es ist sogar ein Sport, mit dem ich mehrere Stunden die Woche verbringe. Ein Sport, der nicht nur meine Fitness und meine Ernährung, sondern auch mein Körpergefühl komplett auf den Kopf gestellt und zum Positiven verändert hat. Die Leute, die mir wichtig sind wissen und sehen das. Und alle, die in meinem Leben wichtig werden wollen, können das entweder auch sehen, oder sie können mir am Arsch vorbeigehen. Wenn ich also in Zukunft auf Fragen nach meinem Hobby wieder nur ausweichend antworte, dann nicht, weil ich Angst davor habe verurteilt zu werden. Sondern weil ich einfach keine Lust habe noch mehr Zeit damit zu verschwenden, Leuten, die mir egal sind, etwas zu erklären, das sie nicht verstehen wollen.

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